恩芩斯贝格尔 诗选 (德语、英语)
发布时间:2026-06-21 12:14:37 | 来源:奇闻网
图片Hans Magnus Enzensberger(1929 - 2022)



The End of Owls

Trans. by Jerome Rothengerg


I speak for none of your kind,
I speak for the end of the owls.
I speak for the flounder and whale
in their unlighted house,
for the seven cornered sea,
for the glaciers 
they will have calved too soon 
raven and dove, feathery witnesses,
for all those that dwell in the sky
and the woods, and the lichen in gravel,
for those without paths, for the colorless bog
and the desolate mountains.Glaring on radar screens,
interpreted one final time
around the briefing table, fingered
to death by antennas, Florida’s swamps
and the Siberian ice, beast
and bush and basalt strangled
by early bird, ringed
by the latest maneuvers, helpless
under the hovering fireballs,
in the ticking of crises.We’re as good as forgotten.
Don’t fuss with the orphans,
just empty your mind
of its longing for nest eggs,
glory or psalms that won’t rust.
I speak for none of you now,
all you plotters of perfect crimes,
not for me, not for anyone.
I speak for those who can’t speak,
for the deaf and dumb witnesses
for otters and seals,
for the ancient owls of the earth

Vending Machine

Trans. by Michael Hamburger


He puts four dimes into the slot

he gets himself some cigarettes


He gets cancer

he gets apartheid

he gets a couple of far-away massacres


He gets more and more 

for his four dimes

but for a moment all the things disppear


Even the cigarettes  


He looks at the vending machine

He sees himself

For a fleeting moment

he almost looks like a man


Then very soon he is gone again

it was just a fleeting moment

some kind fo sudden bliss


He has disppeared

he is gone

buried under all the stuff he got 

for his four dimes



Old Revolution

Trans. by Michael Hamburger


A beetle lying on its back.

The old bloodspots are still on show 

in the museum. Decades playing dead.

A sour smell form the mouth of thirty ministries.

At the Hotel Nacional four deceased musicians 

are playing night by night the tango from ‘59:

Quizas, quizas, quizas.


By the murmur of a tropical rosary

history is taking a nap. Only those 

who long for toothpaste, light blubs

and spaghetti are tossing sleeplessly

between the damp bedsheets.


A sleepwalker in front of ten microphones

is preaching to his tired island:

After me nothing will follow.

It is finished.

The machine-guns glisten with oil.

The shirts are sticky with cane-juce.

The prostate has had it.


Wistfully the aged warrior

scans the horizon for an aggressor.

There is no one in sight. Even the enemy

has forgotten about him.



Optimistic Little Poem

Trans. by David Constantine


Now and then it happens

that someboy shouts for help

and somebody else jumps in at once

and absolutely gratis.


Here in the thick of the grossest capitlaism

round the corner comes the shining fire brigade

and extinguishes, or suddenly

there's silver in the beggar's hat.


Mornings, the streets are full

of people hurrying here and there without

daggers in their hands, quite equably 

after milk or radishes.


As though in a time of deepest peace.


A splended sight.



Asphodelen 


Komisch, der Gnostiker

im vierten Stock

ist immer noch wach

Er klopft und klopft

an das Heizungsrohr.

Vor dem Fenster der Mob

ist verschwunden, und jetzt

fängt es auch noch zu schneien an.


In der ganzen Stadt

gibt es keine Schnürsenkel mehr.

Das MG-Feuer im Bankenviertel

hat nachgelassen.

Aber es sind noch ein paar

Asphodelen da, im Kühlschrank,

für alle Fälle.



Asphodels 

Translated by Rita Dove & Fred Viebahn


Odd - the Gnostic

on the fourth floor

is still awake.

He bangs and bangs

against the radiator.

The mob at the window

has disappeared, and now,

on top of it all, it's beginning to snow.


The entire city

is out of shoelaces.

The machine-gun fire in the financial district

has died down.

But there are still a few

asphodels left, in the fridge,

just in case.



die hebammen


in brausenden trauben schwärmen sie aus,

wenn der morgen graut, klettern

über hecken und brücken behend

und belagern die fernsten gehöfte.


ire prallen glänzenden koffer drohn

wie schwarze bomben, glimmend

auf gletschern und bahnsteigen,

mooren, hopfenfeldern und riffen.


die müstern der ammen blähn sich vor gier:

woes nach heissen handtüchern riecht,

springen sie unverhofft querfeldein,

drücken knurrend die türen auf

und werfen sich über die betten.


sie reissen ein fleisch zur welt,

das wenig wiegt, ein weisses fleisch,

das ein par dutzendmal überwintert:

dann ist es hin, und sie zerren

ans licht einen zornenschrei,

der, wenn es mittag wird, schallt

durch die steinbrüche und erstickt

in einem gewölk bleicher windeln.


dann, gegen abend, sieht sie der mond

bei ihren blutigen zangen und nadeln

und scheren kauern, lahm, im moos,

wie schlaflose raben, frösteln,

starren in den weglosen kahlen

strassengraben der nahenden nacht.



The Midwives

Trans. by Michael Hamburger 


in buzzing clusters out they swarm

in the grey light of daybreak clamber

limberly over hedges and bridges

and lay siege to remotest homesteads.


their taut and gleaming toolbags threaten

like black time-bombs, glimmering

on glaciers and railway platforms,

on moors and hopfields and sandbanks.


the midwives' nostrils distend with greed:

wherever it smells of hot towels

cross-country they skip unforeseen,

push open doors with a growl

and hurl themselves at the bedsteads.


into the world they rip

flesh that weighs little, white flesh

that survives a few dozen winters:

then it's done for; they drag

to the light a furious roar

which, towards noon, rings out

through the quarries and fades away,

choked in a cloud of pale napkins.


later the moon sees them crouch

over bloody forceps and needles

and scissors, lame, in the moss

like sleepless ravens, chilly,

stare at the pathless blank

ditch of the oncoming night.



Die Verschwundenen

Für Nelly Sachs

Nicht die Erde hat sie verschluckt. War es die Luft?
Wie der Sand sind sie zahireich, doch nicht zu Sand
sind sie geworden, sondern zu nichte. In Scharen
sind sie vergessen. Häufig und Hand in Hand,
     
wie die Minuten. Mehr als wir,
doch ohne Andenken. Nicht verzeichnet,
nicht abzulesen im Staub, sondern verschwunden
sind ihre Namen, Löffel und Sohlen.
     
Sie reuen uns nicht. Es kann sich niemand
auf sie besinnen: Sind sie geboren,
geflohen, gestorben? Vermißt
sind sie nicht worden. Lückenlos
ist die Welt, doch zusammengehalten
von dem was sie nicht behaust,
von den Verschwundenen. Sie sind überall.
     
Ohne die Abwesenden wäre nichts da.
Ohne die Flüchtigen wäre nichts fest.
Ohne die Vergessenen nichts gewiß.
     
Die Verschwundenen sind gerecht.
So verschallen wir auch.


Botschaft des Tauchers

unter der silbernen glocke, hangend
im tang, die maske vor dem gesicht,
den elektrischen rüssel, angehalftert
an runzligen nabelschnüren, taumelnd
im milchigen abgrund, allein
mit seinem herzen wie ein prophet,
allein mit seinem schweiß im gegurgel:
oben im licht macht die jury den tod
und den kultursalat an, jupiter
verkauft sich unter den lampen,
es jubeln posaunenchöre, überall
pfeifen die schiedsrichter schon
zum letzten elfmeter, die sender
morsen bullen zum harakiri:
unten im dunkel in seiner rüstung,
in seiner brennenden reuse schwebt,
in der dünung der algen,
saumselig, in seinen sielen
aus kupfer und gummi, blind,
der ruhmlose taucher, und ruft
in das rauschende sprechgeschirr:
CQ CQ an alle! an alle!
ich bin auf dem grund allein,
wo niemand recht hat von uns
und von euch, vernäht in mein ende:
die stumme muschel hat recht
und der herrliche hummer allein,
recht hat der sinnreiche seestern.
ich wiederhole: laßt ab,
laßt ab von uns und von euch
und von mir!
kurz-kurz-kurz
lang
kurz-lang

 
Der Untergang der Titanic - Erster Gesang

Einer horcht. Er wartet. Er hält
den Atem an, ganz in der Nähe,
hier. Ersagt: Der da spricht, das bin ich.

Nie wieder, sagt er,
wird es so ruhig sein,
so trocken und warm wie jetzt.

Er hört sich
in seinem rauschenden Kopf.
Es ist niemand da außer dem,

der da sagt: Das muß ich sein.
Ich warte, halte den Atem an,
lausche. Das ferne Geräusch

in den Ohren, diesen Antennen
aus weichem Fleisch, bedeutet nichts.
Es ist nur das Blut,

das in der Ader schlägt.
Ich habe lang gewartet,
mit angehaltenem Atem.

Weißes Rauschen im Kopfhörer
meiner Zeitmaschine.
Stummer kosmischer Lärm.

Kein Klopfzeichen. Kein Hilfeschrei.
Funkstille.
Entweder ist es aus,

sage ich mir, oder es hat
noch nicht angefangen.
Jetzt aber! Jetzt:

Ein Knirschen. Ein Scharren. Ein Riß.
Das ist es. Ein eisiger Fingernagel,
der an der Tür kratzt und stockt.

Etwas reißt.
Eine endlose Segeltuchbahn,
ein schneeweißer Leinwandstreifen,

der erst langsam,
dann rascher und immer rascher
und fauchend entzweireißt.

Das ist der Anfang.
Hört ihr? Hört ihr es nicht?
Haltet euch fest!

Dann wird es wieder still.
Nur in der Wand klirrt
etwas Dünngeschliffenes nach,

ein kristallenes Zittern,
das schwächer wird
und vergeht.

Das war es.
War es das? Ja,
das muß es gewesen sein.

Das war der Anfang.
Der Anfang vom Ende
ist immer diskret.

Es ist elf Uhr vierzig
an Bord. Die stählerne Haut
unter der Wasserlinie klafft,

zweihundert Meter lang,
aufgeschlitzt
von einem unvorstellbaren Messer.

Das Wasser schießt in die Schotten.
An dem leuchtenden Rumpf
gleitet, dreißig Meter hoch

über dem Meeresspiegel, schwarz
und lautlos der Eisberg vorbei
und bleibt zurück in der Dunkelheit.

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